Ziegel im Kreislauf – zirkuläre Lösungen im heutigen Bauwesen

Ziegel im Kreislauf – zirkuläre Lösungen im heutigen Bauwesen

Die Bauwirtschaft zählt zu den ressourcenintensivsten Branchen weltweit. In Deutschland entfallen rund 55 % des Abfallaufkommens auf Bau- und Abbruchabfälle. Doch mit dem wachsenden Bewusstsein für Nachhaltigkeit rückt die Idee der Kreislaufwirtschaft immer stärker in den Fokus – auch im Mauerwerksbau. Ziegel werden zunehmend nicht mehr als Einwegprodukte betrachtet, sondern als langlebige Bausteine in einem geschlossenen Materialkreislauf.
Vom linearen zum zirkulären Bauen
Das traditionelle Bauprinzip folgt meist einem linearen Ablauf: Rohstoffe werden gewonnen, verarbeitet, genutzt – und am Ende entsorgt. Dabei gehen wertvolle Materialien verloren, obwohl sie oft noch Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte halten könnten. Die zirkuläre Bauweise stellt dieses Prinzip auf den Kopf. Ziel ist es, Gebäude so zu planen, dass ihre Materialien am Ende der Nutzungsphase sortenrein getrennt und wiederverwendet werden können.
Ziegel eignen sich dafür besonders gut. Sie sind robust, witterungsbeständig und können nach einer fachgerechten Reinigung erneut verbaut werden. Voraussetzung ist jedoch, dass bereits in der Planungsphase an Rückbau und Wiederverwendung gedacht wird.
Wiederverwendete Ziegel – alte Steine, neue Gebäude
In Deutschland entstehen zunehmend Initiativen und Unternehmen, die sich auf die Aufbereitung gebrauchter Ziegel spezialisiert haben. Beim Rückbau werden die Steine sorgfältig aus dem Mauerwerk gelöst, von Mörtelresten befreit und auf Qualität geprüft. Anschließend gelangen sie als geprüfte Sekundärbaustoffe wieder in den Handel.
Ein Beispiel ist das Projekt „Backstein im Kreislauf“ in Berlin, bei dem ganze Fassaden aus wiederverwendeten Ziegeln errichtet wurden. Die leicht unterschiedlichen Farbtöne und Oberflächen verleihen den Gebäuden Charakter und Geschichte – und reduzieren gleichzeitig den CO₂-Fußabdruck erheblich. Studien zeigen, dass die Wiederverwendung von Ziegeln bis zu 90 % der Energie einsparen kann, die sonst für die Herstellung neuer Steine nötig wäre.
Design for Disassembly – Bauen für den Rückbau
Damit Ziegel tatsächlich im Kreislauf bleiben, müssen sie sich zerstörungsfrei voneinander trennen lassen. Das erfordert neue Bauweisen. Statt Zementmörtel, der die Steine dauerhaft verbindet, kommen zunehmend Kalkmörtel oder reversible Fugenlösungen zum Einsatz. Diese ermöglichen es, Mauerwerk später wieder zu demontieren, ohne die Ziegel zu beschädigen.
Dieses Prinzip wird als Design for Disassembly bezeichnet – also das Bauen mit Blick auf den späteren Rückbau. Es verändert die gesamte Planungskultur: Gebäude werden als temporäre Materiallager verstanden, deren Komponenten in Zukunft erneut genutzt werden können. Das erfordert neue Kompetenzen bei Architektinnen, Ingenieuren und Handwerkern, eröffnet aber auch große Chancen für Ressourceneffizienz und Flexibilität.
Digitalisierung und Materialpässe
Ein zentrales Thema beim Einsatz wiederverwendeter Baustoffe ist die Dokumentation ihrer Eigenschaften. Hier bietet die Digitalisierung neue Möglichkeiten. Mit sogenannten Materialpässen oder digitalen Gebäuderessourcen-Katastern können Herkunft, Qualität und Wiederverwendungspotenzial von Ziegeln erfasst werden.
In Deutschland fördert etwa die „Initiative Zirkuläres Bauen“ der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) entsprechende Pilotprojekte. Auch die EU-Taxonomie und das Gebäudeenergiegesetz (GEG) setzen zunehmend auf Nachweise über Materialkreisläufe. So entsteht Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Wirtschaftliche Chancen der Kreislaufwirtschaft
Zirkuläres Bauen ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern kann auch wirtschaftliche Vorteile bringen. Wiederverwendete Ziegel sind oft preislich konkurrenzfähig, insbesondere wenn Entsorgungskosten und Transportwege berücksichtigt werden. Zudem steigt die Nachfrage nach nachhaltigen Baustoffen – sowohl bei öffentlichen Ausschreibungen als auch bei privaten Bauherren.
Für Handwerksbetriebe eröffnet sich ein neues Tätigkeitsfeld: das fachgerechte Rückbauen, Reinigen und Wiederverwenden von Ziegeln. Kenntnisse über traditionelle Mörteltechniken und zirkuläre Bauweisen werden zu gefragten Qualifikationen in einer Branche, die sich im Wandel befindet.
Ein Baustoff mit Geschichte und Zukunft
Ziegel sind mehr als nur Bausteine – sie sind Träger von Geschichte. Ein Stein, der einst Teil einer Industriehalle war, kann in einem modernen Wohnhaus ein neues Kapitel beginnen. Diese Verbindung von Vergangenheit und Zukunft verleiht dem Material eine besondere kulturelle und ästhetische Dimension.
Damit der Ziegel im Kreislauf bleibt, braucht es Zusammenarbeit: zwischen Herstellern, Planenden, Bauunternehmen und Rückbauprofis. Wenn alle Akteure an einem Strang ziehen, kann das Bauwesen in Deutschland zu einem echten Vorreiter der Kreislaufwirtschaft werden – und der Ziegel zu einem Symbol für nachhaltiges Bauen im 21. Jahrhundert.

















